Fernsicht oder Dem Himmel so nah

Wer sich den Arbeiten von Olaf Osten aussetzt, setzt sich der Gefahr aus, fernsicht-süchtig zu werden. Dieses Suchtsyndrom ist weit verbreitet und an keine schichtspezifische Struktur gebunden. Denn in dem Maße, in dem der Traum von der grenzenlosen Freiheit menschlicher Existenz durch die gesellschaftliche Realität als sedierender Selbstbetrug entlarvt wird, in dem Maße nimmt die Sehnsucht zu, aus der Enge und Erdgebundenheit aufzubrechen ins Offene, in die Weite. Olaf Osten thematisiert diesen grundlegenden existenziellen Konflikt zwischen „Flüchten oder Standhalten“ mit großer Konsequenz und gibt seinen Arbeiten, die er, analog zu Kanälen und Programmplätzen durchlaufend nummeriert, den Titel „Fernsehen“.

In der künstlerischen Auseinandersetzung mit den vielschichtigen Aspekten des Fernsehens ist er nicht weit von dem entfernt, was Medien- und Kommunikationswissenschaft als Forschungsfragen zur virtuellen Realität formulieren, und nah bei dem, was Millionen antreibt, sich in flimmernde Wunschwelten zu flüchten: die Sehnsucht nach Ruhe und Geborgenheit, nach konfliktfreien Zonen, nach dem Schönen, Unverletzten, der heilen Welt.

Olaf Ostens Gemälde, Fotografien und Videos (Fernsehen I-III) aus den Jahren 2002 bis 2005 sind das Ergebnis eines radikalen Selbstversuches, in dem der Künstler sich Klarheit darüber verschafft, wie es denn bestellt ist um die Relation zwischen Himmel und Erde, Gebundenheit und Freiheit, zwischen Fremde und Heimat, Begrenztheit und Entgrenzung. Als ideale Projektionsfläche dient ihm dabei der Himmel, für Osten ein „landschaftliches Maximum an Endlosigkeit“, ein Freiraum der Illusion und Phantasie. Den stellt er in zwei gegensätzlichen und doch aufeinander bezogenen Varianten vor: Zum einen den Himmel über der Stadt, oft nicht mehr als ein monochromer, schmaler Farbstreifen, zum anderen den Himmel über offener Landschaft.

Sein Stadthimmel wird an den Bildrändern begrenzt von Hauswänden und Fassadenfragmenten und erinnert an jene Momente der Kindheit, wenn beim ausgelassenen Hinterhof-Spiel zwischen dem Taggrau und der bunten Wäsche, die im Wind flattert, plötzlich ein Fetzen Himmel aufleuchtet. In diesen Fern-Seh-Bildern (Öl auf Leinwand) aus der Großstadt fällt es dem Betrachter schwer, sich dem vertikalen Sog zu entziehen, angesichts der perspektivischen Verwirrung den eigenen Standpunkt zu sichern. Denn alles drängt nach oben, ins Offene, ins Licht. Nur manchmal wird der Blick in das wolkenlose Blau getrübt durch die Angst vor dem Sturz ins Bodenlose. Olaf Osten zeigt in diesen Bildern nichts vom Menschen, aber alles, was auf ihn verweist: Hier ist ein Fensterflügel geöffnet, dort das Oberlicht gekippt, ein Holzladen schlägt an die Mauer, im Zimmer nebenan zuckt eine Neonröhre. Und plötzlich sehen wir mit letzter Augenkraft, wie die Antennen auf den Dächern lichterloh brennen.

Zum anderen: Himmel über offener Landschaft. Der Künstler wechselt hier in seinen fotografischen Arbeiten nicht nur die räumliche Perspektive, gleitet von der Vertikale in die Horizontale, sondern auch die emotionale: der städtischen Isolationskultur stellt er das Ideal einer Landschaft der Stille entgegen, die, in ihrer radikalen Reduktion auf wenige zentrale Chiffren wie Wasser, Wolken, Sand und Himmel, dem Auge Asyl bietet. Doch dieses Verweilen ist spätestens dann beendet, wenn wir erkennen, wie subtil Osten den Betrachter irritiert, wie er die Ordnung von oben und unten außer Kraft setzt und uns den Wolkenhimmel unter die Füße legt.

In den beiden neuen Bildern „Fernsehen 1-67“ und „Fernsehen 1-68“ aus dem Jahr 2005 knüpft Olaf Osten aus einer überraschenden Perspektive an seine Landschaftsbilder an. Er verlässt die Abstraktion und verweist spielerisch, fast augenzwinkernd, erneut auf sein zentrales Thema, wenn er das Auge des Betrachters auf einen von Büschen und Bäumen begrenzten Weg in die Ferne führt. Vielleicht ein Reflex auf die romantische Motivik, vielleicht die Sehnsucht nach dem romantischen Geist, aber eben nicht rückblickend verharrend, sondern ungestüm nach vorne treibend.

Die Videos (Fernsehen III) aus den Jahren 2001 bis 2004 sind eine konsequente Fortführung der künstlerischen Recherche. Der an der Ostsee geborene Olaf Osten bleibt sich treu, wenn er auch bei diesem Medium zum Meer zurückkehrt: In Fernsehen III-1 zeigt er, vom Heck aus gefilmt, die von den Schiffsschrauben einer Fähre erzeugten Wasserstrudel, in Fernsehen III-2 einen Bilderbuch-Sonnenuntergang am Meer, beides jeweils umgedreht projiziert. So setzt er auch bei seinen Videos auf Verunsicherung, Blickverwirrung und zwingt den Betrachter in die Schwerelosigkeit.

Olaf Osten ist ein Fern-Seher aus Leidenschaft. Seine Bilder stiften dazu an, aus den Fesselungen des Alltags zu entfliehen. Er verspricht mit seiner Kunst nicht den offenen Himmel, aber gibt uns zumindest eines: Luft zum Atmen.


Prof. Dr. Gerhard Gensch ist Professor für Kommunikations- und Musikwissenschaft an der Donau-Universität Krems und Kurator des Campus Cultur